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Haus- und Wohngemeinschaften

14.01.2008Soziales: SeniorInnen und Generationen

Pressegespräch mit Sonja Schiff (Gerontologin und Gemeinderätin der Bürgerliste/DIE GRÜNEN in der Stadt) und Labg. Cyriak Schwaighofer (Landessprecher der GRÜNEN und Sozialsprecher der Grünen im Landtag).

"Haus- und Wohngemeinschaften": Wie viele solche Pflegeeinrichtungen wird Salzburg bekommen?

Wird Salzburg künftig das moderne Pflegekonzept der "Haus- und Wohngemeinschaften" favorisieren und Pflegebedürftigen damit ein weitgehend selbstbestimmtes "Leben wie gewohnt" ermöglichen oder bleibt es beim Bau der bisher üblichen Seniorenheime?

Am Mittwoch, dem 16. Jänner 2008, fällt im Salzburger Landtag darüber die Entscheidung, an diesem Tag wird über den Antrag der GRÜNEN zum Thema "Haus- und Wohngemeinschaften" abgestimmt.

"Dass Soziallandesrätin Erika Scharer versuchen will, in Leogang eine Haus- und Wohngemeinschaft zu errichten, ist uns zu wenig. Wir wollen einen verbindlichen Landtagsbeschluss, der dieses Pflegekonzept möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich macht."

Auf diesen Nenner bringt Labg. Cyriak Schwaighofer, der Sozialsprecher der GRÜNEN im Landtag, die Intention des GRÜNEN Antrags, der am kommenden Mittwoch (16. Jänner) im Ausschuss des Landtages beraten wird. Im Ausland haben sich "Haus- und Wohngemeinschaften" vor allem wegen ihrer hohen Akzeptanz bei den Betroffenen mittlerweile als gängiges Konzept etabliert, in Salzburg existiert bis dato noch keine einzige entsprechende Einrichtung.

Derzeit gibt es im Bundesland Salzburg 73 SeniorInnenheime. In den nächsten Jahren werden mindestens zwölf Heime saniert, erweitert oder überhaupt neu gebaut. Doch nach welchem Pflegekonzept?

Geht es nach Salzburgs GRÜNEN, dann sollte sich Salzburg von den bisher üblichen SeniorInnenheimen verabschieden und stattdessen – sowohl stationär wie auch in ambulanter Form – auf "Haus- und Wohngemeinschaften" umsteigen.

Der wesentliche Unterschied: Bei den heutigen Pflegeheimen stehen Pflege und Therapie im Mittelpunkt, bei den "Haus- und Wohngemeinschaften" geht es um "Normalität und Familie", oder anders ausgedrückt um die Möglichkeit, auch im Alter zu "leben wie gewohnt".

Umfragen zeigen: "Am liebsten daheim"

Obwohl sich die Qualität der Heime in den vergangenen Jahren entscheidend verbessert hat, wehren sich viele alte pflegebedürftige Menschen (und oft auch deren Angehörige) so lange wie möglich gegen den Umzug ins Heim.

"Alte Menschen erleben die Übersiedlung in ein völlig neues Umfeld als Krise. Ihre Angehörigen wiederum glauben versagt zu haben, weil sie mit der Pflege nicht mehr zurande gekommen sind", schildert Sonja Schiff, ihres Zeichens Gerontologin und Gemeinderätin der Bürgerliste/DIE GRÜNEN in der Stadt, die Situation, vor der Betroffenen in diesen Fällen stehen.

Der Umzug ins Heim wird meist erst dann vorgenommen, wenn er aus gesundheitlichen und psychosozialen Gründen (Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit) unbedingt erforderlich ist beziehungsweise wenn Angehörige ihre Grenzen der Belastbarkeit erreicht haben (und oft lange Zeit bereits massiv überfordert waren).

Umfragen (z. B. vom Hilfswerk, Volkshilfe) zeigen, dass 82 Prozent der über 70-Jährigen nicht ins Heim wollen und das Heim als letzten Ausweg ansehen.

Männer stehen der Heimaufnahme besonders negativ gegenüber (und werden in Folge auch meist von den Ehefrauen zu Hause gepflegt). Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut GfK zufolge wollen neun von zehn ÖsterreicherInnen im Alter selbstbestimmt und eigenständig im trauten Heim leben.

Neues Pflegekonzept statt Angst vorm Heim

In Deutschland haben Seniorenheime mittlerweile massive Auslastungsprobleme. Dies nicht nur wegen der "Angst vor'm Heim" sondern vor allem deshalb, weil es für viele deutsche BürgerInnen eine Alternative zum Heim gibt: die Übersiedlung in eine Haus- und Wohngemeinschaft. Betroffene, die die Wahl haben, ziehen dieses moderne Pflegekonzept, das es auch dementen und schwer pflegebedürftigen Menschen ermöglicht, ein weitgehend "normales" und selbstbestimmtes Leben zu führen, einem Platz im Heim vor.

Ein "Leben wie gewohnt" bedeutet:

  • Über sich selbst bestimmen: Aufstehzeit, Tagesablauf, Beschäftigung, Ruhezeiten, Schlafenszeit, Essenszeit
  • Vertrautes um sich haben: Möbel, Geräusche, Gerüche, Menschen
  • Sozial eingebunden sein: Nachbarn erkennen, bekannte Gesichter, bekannte Wege gehen, bekannte Gebäude….
  • Alltag leben: kochen, putzen, lesen, spazieren gehen, Wäsche waschen
  • Aufgaben haben, etwas wert sein

Die Norm in Salzburg: das Wohnhaus/Pflegewohnheim der 80er/90er Jahre

In Salzburg werden durchaus moderne SeniorInnenheime gebaut: Bereits bei den Planungen wird versucht, den Wohnbedürfnissen der BewohnerInnen ebenso Rechnung zu tragen wie den Anforderungen der Pflege. Die Motivation der BewohnerInnen zur Selbständigkeit, sowie die Aktivierung und Reaktivierung steht im Mittelpunkt der Pflege. Auch wird versucht, auf die Individualität und Privatheit der BewohnerInnen einzugehen.

Von dem, was "Haus- und Wohngemeinschaften" darstellen, sind aber auch moderne Heime immer noch weit entfernt! "Schon allein aufgrund ihrer Größe und Architektur weisen die Heime anstaltsmäßige Strukturen auf. Daran ändern auch beste qualitätsentwickelnde Maßnahmen nichts", erklärt Schiff.

Die Ablauforganisation in den Heimen ist funktionsorientiert: Pflege, Küche, Hauswirtschaft, Therapie. "In dieser Struktur können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gar nicht anders als ebenfalls funktionsorientiert zu denken. Funktionsübergreifendes Denken und Handeln ist da fast unmöglich", so die Pflege-Expertin.

Der Alltag im Heim:

  • Morgendliche Pflege
  • Frühstück im Speisesaal
  • Animation, Therapien, Pflege
  • Mittagessen im Speisesaal
  • Animation, Therapien
  • Abendessen im Speisesaal
  • Abendliche Pflege
  • Schlafenszeit – es gibt angeblich keine Bettruhezeit mehr, in Pflegeberichten sind sie jedoch trotzdem heraus zu lesen. Etwas anderes ist auch nicht möglich, wenn ab 19 Uhr etwa nur noch eine Pflegekraft anwesend ist.

Schiff: "Pflege und Therapie stehen im Heim ganz klar im Vordergrund und nicht das Wohnen oder Leben. Es gibt die Kochtherapie, aber kein gemeinsames Kochen. Es gibt die Tiertherapie statt Haustiere im Heim, es gibt Gartentherapie statt eines Hausgartens."

Die neue Generation: "Familie und Normalität" als Leitbild für Haus- und Wohngemeinschaften

Ende der 90er Jahre hat sich in der Altenpflege ein neues Wohnkonzept etabliert. Ausgegangen ist dieser Wandel unter anderem von Angehörigen, die die Pflege ihrer alten Menschen selbst in die Hand nahmen und erste ambulant betreute Haus- und Wohngemeinschaften gegründet haben.

Mittlerweile findet diese Wohnform in Deutschland breiteste Umsetzung, auch im Bereich der Heime. In Österreich gibt es vorerst nur zaghafte Ansätze, beispielsweise bei Projekten in Wels und Graz. In Salzburg existiert derzeit noch keine Initiative dieser Art.

Bei den Haus- und Wohngemeinschaften geht es um mehr als eine bauliche und inhaltliche Weiterentwicklung der stationären Pflege. Im Zentrum des Konzepts steht das Ziel, möglichst viel "Normalität" zu schaffen. Das bedeutet nicht nur eine drastische Verkleinerung der Wohngruppengrößen sondern auch die konsequente Auflösung zentraler, anstaltsmäßiger Strukturen. So wird zum Beispiel in jeder Wohngruppe wie in einem Haushalt selbständig gekocht und gewirtschaftet.

Alltagsbetreuung als gleichberechtigter Partner zur Pflege

In den Haus- und Wohngemeinschaften werden Alltagsaktivitäten in die unmittelbare Nähe der BewohnerInnen verlagert. Diese erhalten dadurch Anregungen und Reize, die Eintönigkeit des Heimalltags wird nachhaltig durchbrochen, der Tag strukturierter erlebt.

Dreh- und Angelpunkt und letztendlich der Schlüssel zur Realisierung einer solchen Konzeption ist die Aufwertung der - bislang der Pflege untergeordneten - "Hauswirtschaft" und ihre erfolgreiche Integration in den Pflegeheimalltag als verbindendes und gestaltendes Element von Wohnumfeld und Pflege.

Widerstände kamen in Deutschland zu Beginn von den PflegemitarbeiterInnen, die die Aufwertung der "Hauswirtschaft" als Beschneidung der eigenen Kompetenzfelder erlebten.

Bei einer Umstellung auf das neue Modell der Haus- und Wohngemeinschaft ist es deshalb besonders wichtig, die Pflegemitarbeiter umfassend auf die veränderten Arbeitsabläufe und Zuständigkeiten vorzubereiten.

"Die Pflegerinnen und Pfleger sind in einer funktionierenden Hausgemeinschaft häufig nicht mehr die wichtigste Person für die Bewohner und Bewohnerinnen. Es kommt zu veränderten Rollenverteilungen, und mit dieser neuen Situation müssen die Betroffenen erst umgehen lernen."

Pflege und Hauswirtschaft tragen gemeinsam die Gesamtverantwortung für die Lebensqualität, wobei der Schwerpunkt in der Alltagsgestaltung und Betreuung liegt. Ziel ist, den BewohnerInnen eine möglichst selbstständige Lebensgestaltung zu ermöglichen. wobei Angehörigen, Freunde und/oder NachbarInnen durchaus einbezogen werden.

Errichtung und Betrieb von Haus- und Wohngemeinschaften: nicht teurer als ein Heim!

Wie die deutsche Praxis zeigt, bleiben Pflegebedürftige durch dieses Konzept länger mobil, der Medikamentenverbrauch sinkt zudem beträchtlich! Selbst dementen und schwer pflegebedürftigen Menschen wird durch dieses Konzept im Alter ein Leben wie gewohnt ermöglicht.

Und noch etwas zeigen die Erfahrungen: Der Pflegeplatz in der Haus- und Wohngemeinschaft ist nicht teurer als der Platz im Heim, sondern zum Teil sogar günstiger!

Zu diesem Ergebnis kommt auch die Sozialabteilung des Landes in einem Kostenvergleich vom November des Vorjahres. Darin wurde ein Heim mit 70 BewohnerInnen einem Hausgemeinschafts-Modell mit sechs Wohneinheiten zu jeweils zwölf BewohnerInnen – also insgesamt 72 Personen – gegenübergestellt.

Die Zahlen im Detail:

Kosten Heim (72 Bewohnerinnen) Hausgemeinschaft (6 Einheiten mit je 12 BewohnerInnen) Errichtungskosten pro Bett 98.710 Euro 90.065 Euro Flächenbedarf/BewohnerIn 53,58 m2 47,40 m2 Jährliche Betriebskosten 1,906.773,40 Euro 1,839.470,44 Euro

Die GRÜNE Forderung: "Haus- und Wohngemeinschaften" als neuen Pflegestandard verankern

Salzburgs GRÜNE wollen nun erreichen, dass dieses Pflegekonzept nun endlich auch in Salzburg Fuß fasst und haben einen diesbezüglichen Antrag eingebracht. Am Mittwoch, dem 16. Jänner, wird der Landtag darüber beraten, ob die Förderrichtlinien so adaptiert werden, dass für die Errichtung oder Sanierung von SeniorInnenheimen künftig die Haus- und Wohngemeinschaft als Standard angewendet wird.

Schwaighofer: "Mit jeder Pflegeeinrichtung stellen wir die Weichen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Da ist es wohl klar, dass Steuergelder nur noch für moderne und zukunftsweisende Konzepte ausgegeben werden sollte."

Die Haus- und Wohngemeinschaften seien ein solches Konzept. Noch wichtiger sei aber, dass dieses Modell höchste Akzeptanz bei den Pflegebedürftigen selbst hat. "Gerade deshalb wollen wir, dass sich der Landtag ganz klar zur Schaffung von Haus- und Wohngemeinschaften bekennt.

Inwieweit es Menschen möglich ist, auch im Alter ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen, darf nicht davon abhängen, in welchen Gemeinden die zuständige Landesrätin das versucht und wo nicht."

Die "Senioren-WG": ein Zukunftskonzept sowohl für den ambulanten wie den stationären Bereich

Die Forderung der GRÜNEN betrifft dabei nicht nur den Bau von SeniorInnenheimen sondern auch die ambulante Betreuung, wie Gemeinderätin Sonja Schiff ergänzt: "Das Konzept der Haus- und Wohngemeinschaften geht weit über den stationären Bereich hinaus und umfasst auch die ambulante Versorgung.

In Deutschland tun sich mittlerweile Angehörige pflegebedürftiger Menschen zusammen und gründen Vereine, die Wohnungen anmieten, Wohngemeinschaften gründen und die Pflege und Betreuung ambulant organisieren. Dass eine solches Betreuungs- und Versorgungskonzept ebenfalls möglich ist, zeigt der Blick etwa nach Berlin.

"Man muss es in Österreich nur politisch wollen und die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür schaffen", betont die Bürgerlisten/GRÜNEN-Gemeinderätin.

Die Forderungen von GRÜNEN und Bürgerliste/DIE GRÜNEN auf einen Blick:

  • Selbstbestimmung und Normalität für pflegebedürftige Menschen
  • Zukünftige Seniorenheime sollen nach dem Modell der Haus- und Wohngemeinschaften gebaut werden. Auch Sanierung und Umbau sind auf dieses Pflegekonzept abzustellen. Die Förderrichtlinien des Landes Salzburg sind entsprechend zu ändern.
  • MitarbeiterInnen der neuen Heime müssen bei dem „Umwandlungsprozess“ professionell begleitet werden (Supervisionen, Fortbildungen)

Die Selbstorganisation von Wohnen im Alter muss gefördert werden – Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden für ambulant betreute Haus- und Wohngemeinschaften.

Dazu gehört beispielsweise eine Änderung des Sozialhilfegesetzes, dessen Berechnungsgrundlagen für die Inanspruchnahme von sozialen Diensten die Einrichtung von Wohngemeinschaften derzeit untergräbt. Weiters soll es Wohnbauförderung für Private und für Baugenossenschaften geben, wenn eine Wohnung für eine ambulant betreute Hausgemeinschaft saniert oder umgebaut wird.

Einige ergänzende Zahlen:

Bevölkerung gesamt Land Salzburg: 528.351

  • älter als 65 Jahre: 78.198
  • älter als 75 Jahre: 35.960
  • PflegegeldbezieherInnen: ca. 20.000 Personen – davon 14.000 mit Pflegestufe 1-3 (70%) und 6.000 Personen mit Pflegstufe 4-6
  • Bettenkapazität der SeniorInnenheime Salzburg derzeit: 5.000 Betten

Pflege Standard 01-2008 (PDF, 62k)

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