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Leben wie gewohnt

10.10.2007Soziales: SeniorInnen und Generationen

Die Angst der Pflegebedürftigen vor dem Heim und mögliche neue Wege der Altenpflege.

PRESSEGESPRÄCH mit:

  • Rolf Gennrich (Referent für Betriebswirtschaft beim Kuratorium Deutsche Altenhilfe und Mitbegründer der KDA- Hausgemeinschaften, seit 2004 Geschäftsführer der Firma INFAQT)
  • Sonja Schiff (Gerontologin und Gemeinderätin der Bürgerliste/DIE GRÜNEN in der Stadt)
  • Labg. Cyriak Schwaighofer (Landessprecher der GRÜNEN und Sozialsprecher der Grünen im Landtag)

In den nächsten vier Jahren werden im Bundesland Salzburg zwölf SeniorInnenheime saniert, erweitert oder überhaupt neu gebaut. Doch es stellt sich die Frage, ob diese geplanten Heime noch den Bedürfnissen der zukünftigen BewohnerInnen entsprechen werden.

In mehreren Ländern – darunter auch Deutschland - haben sich mittlerweile erfolgreich neue Formen der Altenpflege etabliert. Über bewährte Konzepte für ein "Leben wie gewohnt" informiert bei diesem Pressegespräch der deutsche Sozialgerontologe Rolf Gennrich.

Pflege: Menschen im Alter sollen leben dürfen "wie gewohnt" GRÜNE wollen Konzept der "Haus- und Wohngemeinschaften" als Standard in der stationären und ambulanten Pflege

In den nächsten vier Jahren werden im Bundesland Salzburg zwölf SeniorInnenheime saniert, erweitert oder überhaupt neu gebaut. Doch nach welchem Pflegekonzept?

Geht es nach Salzburgs GRÜNEN, dann sollte sich Salzburg von den bisher üblichen SeniorInnenheimen verabschieden und stattdessen – sowohl stationär wie auch in ambulanter Form – auf "Haus- und Wohngemeinschaften" umsteigen.

Der wesentliche Unterschied: Bei den heutigen Pflegeheimen stehen Pflege und Therapie im Mittelpunkt, bei den "Haus- und Wohngemeinschaften" geht es um "Normalität und Familie", oder anders ausgedrückt um die Möglichkeit, auch im Alter zu "leben wie gewohnt".

Einige statistische Zahlen vorab:

Bevölkerung gesamt Land Salzburg: 528.351

  • älter als 65 Jahre: 78.198
  • älter als 75 Jahre: 35.960
  • PflegegeldbezieherInnen: ca. 20.000 Personen – davon 14.000 mit Pflegestufe 1-3 (70%) und 6.000 Personen mit Pflegstufe 4-6
  • Bettenkapazität der SeniorInnenheime Salzburg derzeit: 5.000 Betten

SeniorInnenwohnheime: Derzeit gibt es 73 Heime. In den nächsten vier Jahren werden zwölf Heime saniert, erweitert oder überhaupt neu gebaut, zum Beispiel: Seekirchen, Wals, Bürmoos, Mariapfarr, Bramberg, Anif, Puch, St. Michael, Mauterndorf.

Pflegekosten Salzburg lt. Sozialbericht 2006:

  • Stationäre Betreuung 46,8 Millionen Euro
  • Soziale Dienste: 16 Millionen Euro

Umzug ins Seniorenheim als letzter Ausweg!

Viele alte Menschen (und oft auch deren Angehörige) lehnen die Aufnahme in ein Seniorenheim ab und versuchen es so lange wie möglich zu Hause „zu schaffen“.

Der dann vielleicht doch notwendige Umzug ins Heim wird von alten Menschen als Krise und von Angehörigen vielfach als Versagen erlebt. Auch wenn sich die Qualität der Seniorenheime in den letzten Jahren maßgeblich verbessert hat, die Angst der Menschen vor dem Heim ist geblieben.

Der Umzug ins Heim wird meist erst dann vorgenommen, wenn er aus gesundheitlichen und psychosozialen Gründen (Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit) unbedingt erforderlich ist beziehungsweise wenn Angehörige ihre Grenzen der Belastbarkeit erreicht haben (und oft lange Zeit bereits massiv überfordert waren).

90 Prozent wollen zu Hause bleiben. Umfragen (z. B. vom Hilfswerk, Volkshilfe) zeigen, dass 82 Prozent der über 70-Jährigen nicht ins Heim wollen und das Heim als letzten Ausweg ansehen. Männer stehen der Heimaufnahme besonders negativ gegenüber (und werden in Folge auch meist von den Ehefrauen zu Hause gepflegt). Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut GfK zufolge wollen neun von zehn ÖsterreicherInnen im Alter selbstbestimmt und eigenständig im trauten Heim leben.

"Nein" zum Heim. "Über dieses Nein der Betroffenen zum Heim muss nachgedacht werden", fordert Sonja Schiff, ihres Zeichens Gerontologin und Gemeinderätin der Bürgerliste/DIE GRÜNEN in der Stadt.

In Deutschland beispielsweise hat sich mit den "Haus- und Wohngemeinschaften ein völlig neues Konzept herausentwickelt, das es auch dementen und schwer pflegebedürftigen Menschen ermöglicht, ein weitgehend "normales", also selbstbestimmtes Leben zu führen.

Was bedeutet „wie gewohnt zu leben?“

  • Über sich selbst bestimmen: Aufstehzeit, Tagesablauf, Beschäftigung, Ruhezeiten, Schlafenszeit, Essenszeit
  • Vertrautes um sich haben: Möbel, Geräusche, Gerüche, Menschen
  • Sozial eingebunden sein: Nachbarn erkennen, bekannte Gesichter, bekannte Wege gehen, bekannte Gebäude….
  • Alltag leben: kochen, putzen, lesen, spazieren gehen, Wäsche waschen
  • Aufgaben haben, etwas wert sein

Diesem "Leben wie gewohnt" steht die Geschichte unserer SeniorInnenheime gegenüber:

Erste Generation - Anfang der 60er Jahre – Leitbild: Verwahranstalt

Aus einem hohen Bedarf und wirtschaftlichen Zwängen heraus wurde ausschließlich Versorgung (mit Bett, Essen, Grundpflege) geboten. Die Heime hatten eine extrem hohe Bettendichte, waren sehr eng gebaut, minimal technisch ausgestattet. Die Durchführung von Pflege war aufgrund der Enge erschwert. Die BewohnerInnen nannte man „Insassen“.

Zweite Generation - Ende 60er und 70er Jahre, Leitbild: Krankenhaus.

Beim Bau der Seniorenheime wurden Teilaspekte betreffend Pflegeabläufe optimiert. Bei der Planung ging es vorrangig darum die Arbeitabläufe für das Personal zu optimieren, dabei lehnte man sich an das Krankenhaus an. In diesen Häusern findet man lange Gänge, Rauminseln für Pflegestützpunkte, ein zentral gelegenes Stationszimmer mit Glasfronten (damit die BewohnerInnen besser „kontrolliert“ werden konnten), ein Pflegebad in jedem Stock, zentral gelegene Fäkalienspülen.

Dritte Generation- 80er und 90er Jahre, Leitbild: Wohnhaus/Pflegewohnheim.

In den Planungen gab es zunehmend den Versuch Wohnbedürfnisse der BewohnerInnen und Pflegeanforderungen zu verbinden. Die technische Ausstattung wird diskret geplant und die räumliche Gestaltung des Wohnumfelds wird wichtig. Die Motivation der BewohnerInnen zur Selbständigkeit, sowie die Aktivierung und Reaktivierung steht im Mittelpunkt der Pflege. Erste Versuche für mehr Individualität und Privatheit für BewohnerInnen.

In Salzburg werden im Wesentlichen Heime der dritten Generation gebaut!

Grundsätzlich haben unsere SeniorInnen-Wohnheime schon längst nichts mehr mit einer "Verwahranstalt" oder einem "Krankenhaus" zu tun. Von dem, was "Haus- und Wohngemeinschaften" darstellen, sind sie aber immer noch weit entfernt!

"Unsere SeniorInnenheime besitzen, selbst bei besten qualitätsentwickelnden Maßnahmen, aufgrund ihrer Größe und Architektur anstaltsmäßige Strukturen", erklärt Schiff. Die Ablauforganisation in den Heimen ist funktionsorientiert: Pflege, Küche, Hauswirtschaft, Therapie. In Folge denken die MitarbeiterInnen auch funktionsorientiert – "funktionsübergreifendes Denken und Handeln ist in diesen Strukturen fast unmöglich", so die Pflege-Expertin.

Der Alltag in Österreichs Heimen:

  • Morgendliche Pflege
  • Frühstück im Speisesaal
  • Animation, Therapien, Pflege
  • Mittagessen im Speisesaal
  • Animation, Therapien
  • Abendessen im Speisesaal
  • Abendliche Pflege
  • Schlafenszeit – es gibt angeblich keine Bettruhezeit mehr, in Pflegeberichten sind sie jedoch trotzdem heraus zu lesen. Etwas anderes ist auch nicht möglich, wenn ab 19 Uhr etwa nur noch eine Pflegekraft anwesend ist.

Schiff: "In den österreichischen SeniorInnenheimen stehen Pflege und Therapie im Vordergrund und nicht das Wohnen oder Leben. Es gibt die Kochtherapie, aber kein gemeinsames Kochen. Es gibt die Tiertherapie statt Haustiere im Heim, es gibt Gartentherapie statt eines Hausgartens."

Vierte Generation, Ende der 90er Jahre, Leitbild: Familie, Normalität.

Ende der 90er Jahre hat sich in der Altenpflege ein neues "Wohnkonzept" etabliert. Ausgegangen ist dieser Wandel unter anderem von Angehörigen, die die Pflege ihrer alten Menschen selbst in die Hand nahmen und erste ambulant betreute Haus- und Wohngemeinschaften gegründet haben. Mittlerweile findet diese Wohnform in Deutschland breiteste Umsetzung, auch im Bereich der Heime. In Österreich gibt es vorerst nur zaghafte Ansätze, beispielsweise bei Projekten in Wels und Graz. In Salzburg existiert derzeit noch keine Initiative dieser Art.

Bei dieser 4. Generation im Pflegeheimbau geht es um mehr als eine bauliche und inhaltliche Weiterentwicklung der stationären Pflege.

Im Zentrum des Konzepts steht das Ziel, möglichst viel "Normalität" zu schaffen. Das bedeutet nicht nur eine drastische Verkleinerung der Wohngruppengrößen sondern auch die konsequente Auflösung zentraler, anstaltsmäßiger Strukturen vor. So wird zum Beispiel in jeder Wohngruppe wie in einem Haushalt selbständig gekocht und gewirtschaftet.

In den Haus- und Wohngemeinschaften werden Alltagsaktivitäten in die unmittelbare Nähe der BewohnerInnen verlagert. Diese erhalten dadurch Anregungen und Reize, die Eintönigkeit des Heimalltags wird nachhaltig durchbrochen, der Tag strukturierter erlebt.

Dreh- und Angelpunkt und letztendlich der Schlüssel zur Realisierung einer solchen Konzeption ist die Aufwertung der - bislang der Pflege untergeordneten - "Hauswirtschaft" und ihre erfolgreiche Integration in den Pflegeheimalltag als verbindendes und gestaltendes Element von Wohnumfeld und Pflege.

GRÜNE fordern:

"Haus- und Wohngemeinschaften" als neuen Pflegestandard sowohl im stationären wie ambulanten Bereich!

"Die Erfahrungen in Deutschland, aber auch bei den österreichischen Pilotprojekten zeigen: Es gibt eine Wohnform, die auch dementen und schwer pflegebedürftigen Menschen im Alter ein Leben wie gewohnt ermöglicht.

Diese Form der 'Haus- und Wohngemeinschaften' müsste im Grunde der Standard bei allen künftigen Pflegekonzepten sein", fordert Labg. Schwaighofer, der Sozialsprecher der GRÜNEN im Landtag. Geht es nach den GRÜNEN, dann könnten Heime wie sie in Salzburg derzeit nach wie vor gebaut werden künftig nicht mehr mit Fördermittel rechnen:

"Steuergelder sollte es nur noch für wirklich moderne Einrichtungen der vierten Generation geben", betont Schwaighofer, der für eine entsprechende Änderung der Gemeindeausgleichsfonds-Förderrichtlinien eintritt.

Die Forderung der GRÜNEN betrifft dabei nicht nur den Bau von SeniorInnenheimen sondern auch die ambulante Betreuung, wie Gemeinderätin Sonja Schiff ergänzt: "Das Konzept der Haus- und Wohngemeinschaften geht weit über den stationären Bereich hinaus und umfasst auch die ambulante Versorgung.

In Deutschland tun sich mittlerweile Angehörige pflegebedürftiger Menschen zusammen und gründen Vereine, die Wohnungen anmieten, Wohngemeinschaften gründen und die Pflege und Betreuung ambulant organisieren. Dass eine solches Betreuungs- und Versorgungskonzept ebenfalls möglich ist, zeigt der Blick etwa nach Berlin.

"Man muss es in Österreich nur politisch wollen und die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür schaffen", betont die Bürgerlisten/GRÜNEN-Gemeinderätin.

Die Forderungen von GRÜNEN und Bürgerliste/DIE GRÜNEN auf einen Blick:

  • Selbstbestimmung und Normalität für pflegebedürftige Menschen
  • Zukünftige Seniorenheime sollen nach dem Modell der Haus- und Wohngemeinschaften gebaut werden. Auch Sanierung und Umbau sind auf dieses Pflegekonzept abzustellen. Die Förderrichtlinien des Landes Salzburg sind entsprechend zu ändern.
  • MitarbeiterInnen der neuen Heime müssen bei dem „Umwandlungsprozess“ professionell begleitet werden (Supervisionen, Fortbildungen)
  • Die Selbstorganisation von Wohnen im Alter muss gefördert werden – Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden für ambulant betreute Haus- und Wohngemeinschaften.Dazu gehört beispielsweise eine Änderung des Sozialhilfegesetzes, dessen Berechnungsgrundlagen für die Inanspruchnahme von sozialen Diensten die Einrichtung von Wohngemeinschaften derzeit untergräbt. Weiters soll es Wohnbauförderung für Private und für Baugenossenschaften geben, wenn eine Wohnung für eine ambulant betreute Hausgemeinschaft saniert oder umgebaut wird.

Ob zu Hause oder im Heim – Leben wie gewohnt. Wege zu mehr Normalität in der Altenpflege. Von Rolf Gennrich

Einführung und Rückblick

Unter dem Begriff "Neue Wohnformen" können eine Vielzahl von ambulant oder vollstationär organisierten Wohn- und Betreuungsformen subsumiert werden. Ihre wesentlichen Merkmale sind sowohl die Abkehr von traditionellen Organisationsprinzipien in den Bereichen Hauswirtschaft und Alltagsgestaltung, als auch in der Pflege und Betreuung.

Die Architektur orientiert sich sowohl nach Innen als auch nach Außen an einer „gewohnten“ Wohnstruktur. Sie verzichtet auf krankenhausähnliche Raumstrukturen zugunsten von mehr Wohnlichkeit und Normalität.

Es war und ist ohne Zweifel ein enormer Gewinn für die inhaltliche Diskussion von Pflege, dass in Zusammenhang mit den Überlegungen darüber, wie diese zukünftig in den Heimen für die Bewohner bedürfnisorientierter und qualitätvoller gestaltet werden kann, zunehmend von Wohn- und Lebensqualität und nicht nur von Pflegequalität die Rede ist.

Die Hausgemeinschaften – Stationäre Pflege ambulant gedacht und realisiert!

Den maßgeblichen Anstoß (in Deutschland), die bis dato vorherrschenden Versorgungsstrukturen, insbesondere die der vollstationären Pflege, zu hinterfragen, hat sicher die 1998 vom Kuratorium Deutsche Altershilfe angestoßene Diskussion über das Konzept der Hausgemeinschaften gegeben.

Die als 4. Generation im Pflegeheimbau bezeichnete, bauliche und inhaltliche Weiterentwicklung der stationären Pflege in Bezug auf mehr Normalität, sieht nicht nur eine drastische Verkleinerung der Wohngruppengrößen, sondern auch eine konsequente Auflösung zentraler, anstaltsmäßiger Strukturen vor. Hierzu gehört insbesondere, dass in jeder Wohngruppe wie in einem Haushalt selbständig gekocht und gewirtschaftet wird.

Die Verlagerung dieser Alltagsaktivitäten in die unmittelbare Nähe des Bewohners hilft nicht nur den Tag für den Bewohner zu strukturieren, sondern sie bringt auch mehr Personal in die Nähe des Bewohners. Hierbei geht es weniger darum, dass der Bewohner/Mieter sich aktiv an der Hauswirtschaft beteiligt (Kartoffelschälromantik), sondern dass er Anregungen und Reize durch die Aktivitäten erhält und somit die Eintönigkeit des Heimalltags nachhaltig durchbrochen wird.

Dreh- und Angelpunkt und letztendlich der Schlüssel zur Realisierung einer solchen Konzeption ist die Aufwertung der, bislang der Pflege untergeordneten, "Hauswirtschaft" und ihre erfolgreiche Integration in den Pflegeheimalltag als verbindendes und gestaltendes Element von Wohnumfeld und Pflege.

Zu Beginn der Diskussion wurde dies, insbesondere von den Berufsverbänden der Pflegeberufe, aber auch von den konservativen Heimträgern, sehr kontrovers und ambivalent diskutiert. Forderte dieser Ansatz doch eine Auflösung und Neugestaltung der bestehenden, oft streng hierarchisch aufgebauten, Organisationsstrukturen verbunden mit einer deutlichen Aufwertung der Hauswirtschaft als Mittel zu einer stärker bedürfnisorientierten Milieugestaltung, insbesondere im Bestreben einer qualitätvollen Betreuung demenziell erkrankter Menschen.

In Folge dessen beförderte die, in der Fachöffentlichkeit und Politik breit geführte, Diskussion über Hausgemeinschaften als eine bessere Alternative zum Pflegeheim, gleichzeitig die Weiterentwicklung der so genannten ambulant betreuten Wohngemeinschaften.

Ambulant betreute Wohngemeinschaften – Von der reinen Selbsthilfe zu einer Form der Regelversorgung?

Im Gegensatz zur vollstationären Hausgemeinschaft, sind Formen ambulant betreuter Wohngemeinschaften in Deutschland eigentlich nicht wirklich neu. Schon lange vor dem Aufkommen der Hausgemeinschaftsdiskussion gab es, insbesondere in Berlin, aber auch in Bielefeld und anderen Kommunen, Wohnprojekte engagierter Gruppen und Initiativen, welche bis dahin allerdings eher ein "Schattendasein" führten. Durch das Engagement der Bertelsmann Stiftung und des KDA, hat sich dies in den letzten Jahren grundlegend geändert.

So interessieren sich zunehmend auch Wohnungs(bau)gesellschaften für dieses Betreuungs- und Versorgungskonzept und entwickeln gemeinsam mit ambulanten Diensten stadteilbezogene Wohnstrukturen. In der Regel wird durch eine Umwandlung und Zusammenfassung mehrerer Wohnungen im Bestand, eine Wohngruppe von mehreren, pflegebedürftigen Mietern gebildet, die dann eine Interessensgemeinschaft darstellt und ihre Pflege und Ihren Alltag dementsprechend selbst organisiert.

Hierbei wird die Gemeinschaft von engagierten Einzelpersonen, Betreuern, Verbänden und/oder Vereinen unterstützt, die sich gemeinsam mit einem Pflegedienst oder auch mehreren Pflegediensten um die Gestaltung der Pflege und Betreuung der meist demenziell erkrankten Mieter kümmern.

Zum Einsatz kommen hier häufig Pflege- und Hauswirtschaftskräfte der ambulanten Pflegedienste, die über Erfahrung in der häuslichen Pflege verfügen und den Pflegebedürftigen in einer solchen Gruppe ganz selbstverständlich "wie zu Hause" pflegen.

Gleiche Ziele bei ungleichen Rahmenbedingungen

Die Mitarbeiter der verschiedenen Funktionsbereiche in einem Heim sind im Gegensatz zur ambulanten Pflege daran gewöhnt, eher funktionsorientiert, also in den Kategorien: Pflege, Sozialer Dienst oder Küche und Hauswirtschaft zu denken und dementsprechend zu arbeiten.

Somit stellen sich die Anforderungen an die Mitarbeiter in den beiden vorgenannten neuen Wohnformen höchst unterschiedlich dar, obwohl das fachliche Grundkonzept und ethische Leitbild von ambulant betreuten Wohngemeinschaften und vollstationären Hausgemeinschaften annähernd identisch ist, bzw. zumindest sein sollte.

Während also in einer ambulant betreuten WG überwiegend Mitarbeiter eingesetzt werden, die das arbeitsteilige Miteinander von Angehörigen, Pflege und Hauswirtschaft aus ihrem Arbeitsalltag kennen, ist diese Form der Zusammenarbeit im Pflegeheim alles andere als selbstverständlich.

Dies erfordert nicht nur von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Pflege und Hauswirtschaft, sondern insbesondere auch von den Leitungskräften, ein grundlegendes Umdenken, denn entgegen der Auffassung mancher Träger ist es nämlich nicht damit getan, eine Küchenzeile in einem Wohnbereich zu installieren und dort durch angelernte Hauswirtschaftskräfte ein "bisschen" zu Kochen und Abzuwaschen. Dass dies eine gravierende Fehleinschätzung ist, haben zwischenzeitlich einige Anbieter leidvoll erfahren müssen.

Zusammenfassung

Mit dem Hausgemeinschaftsprinzip wurde neben einer „Wohnarchitektur“ auch ein neues Arbeitsfeld in der stationären Pflege und Betreuung entwickelt, welches zunehmend eine stärkere, fachliche und inhaltliche Ausprägung erhält.

So haben die Träger, die den Mut hatten, sich schon sehr früh mit diesem Konzept auseinanderzusetzen, sehr schnell festgestellt, das nicht nur die Architektur sorgfältig geplant werden muss, sondern dass auch die in einer Hausgemeinschaft eingesetzten Kräfte für diese Aufgabe nicht nur sehr sorgfältig ausgewählt, sondern auch angemessen geschult und auf ihr neues, komplexes Aufgabenfeld vorbereitet werden müssen.

Die Pflegemitarbeiter müssen umfassend auf die veränderten Arbeitsabläufe und Zuständigkeiten vorbereitet werden. So sind sie in einer funktionierenden Hausgemeinschaft häufig nicht mehr die wichtigste Person für den Bewohner und müssen lernen, mit der neuen Situation und der mit ihr einhergehenden, neuen veränderten Rollenverteilung umzugehen und nicht in Konkurrenz mit den Präsenzkräften bzw. Alltagsbegleitern zu treten.

Pflege und Hauswirtschaft tragen also gemeinsam die Gesamtverantwortung für die Lebensqualität, wobei ihr Schwerpunkt in der Alltagsgestaltung und Betreuung liegt, mit dem Anspruch, alle möglichen Maßnahmen zur möglichst selbstständigen Lebensgestaltung der Bewohner, unter Einbezug der Angehörigen, Freunde und/oder Nachbarn zu gewährleisten.

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